| Rudolf Herz ---> ZUGZWANG |
![]() ZUGZWANG FORCED MOVEMENT Kunstverein Ruhr, Essen 1995; Hamburger Bahnhof/Nationalgalerie Berlin 1999; The Jewish Museum, New York 2002 |
|||||
|
THESEN ZU ZUGZWANG ZUGZWANG ist eine künstlerische These über die Kunst der Moderne und behauptet einen universellen Reflexionshintergrund: Über die Moderne kann man nicht reden und denken, man kann keine Kunst machen, ohne Hitler und Duchamp im Kopf zu haben. Wie vermittelt auch immer. ZUGZWANG präsentiert sich im ganz wörtlichen Sinn als Folie der Kunst, als Korrektur des "white cube". ZUGZWANG plädiert für die Reflexion in der Kunst und ist zugleich ein sinnlicher Erfahrungsraum, der auf psychisch-mentale Dimensionen zielt. Die sinnliche Härte begründet sich mit dem Anspruch der Rauminstallation. DUCHAMP UND HITLER Die Wände des Raumes sind vollständig mit zwei Motiven, mit Siebdrucken, schachbrettartig im Rapport bis auf den letzten Quadratmeter plakatiert. Hitler und Duchamp, zwei Porträts zweier Männer, auf identische Weise und gleichwertig direkt nebeneinander gesetzt, fast unübersehbar oft reproduziert. Duchamp und Hitler, porträtiert von demselben gleichen Fotografen, von Heinrich Hoffmann. Duchamp im Jahr 1912, Hitler Ende der 20er Jahre. Diese Tatsache, die gemeinsame Urheberschaft der Bilder ist der Ausgangspunkt von ZUGZWANG. Duchamp, der künstlerische Revolutionär des 20.Jahrhunderts, ist ein visueller Nobody. Hitlers Gesicht kennt jeder, überall auf der Welt - aufgrund der Bilder seines Hoffotografen. Es wurde über Milliarden von Abbildungen verbreitet, die Physiognomie durch ihren Besitzer und seinen Fotografen prägnant stilisiert. Hitlers Gesicht wurde ein Kürzel, das mit seinem bildhaften Auftauchen ein ganzes Paket an Meinungen, politischen Urteilen und Glaubensbekenntnissen, Klischees, Schuldgefühlen, Vorwürfen wachruft. Kein Gesicht erreichte im 20.Jahrhundert etwas annähernd Vergleichbares. Für was steht Hitler? Was symbolisiert er? Historisch betrachtet war Hitler ein Massenmörder und ein Vernichtungspolitiker sondergleichen. In Hitler allein das absolut Böse zu sehen, ist eine hilflose und unproduktive Vereinfachung. Hitler war der beliebteste deutsche Politiker des 20.Jahrhunderts. Der geliebte "Führer" verstand sich als Künstler, wurde als solcher von der nationalsozialistischen Publizistik stilisiert und von seinen Anhängern verehrt. Alles das ist obszön und schwer auszuhalten. HEIMLICHE ANTAGONISTEN Es gibt für mich einen spezifischen Zusammenhang, eine besondere Relation zwischen dem Monstrum aus Deutschland und dem internationalen Avantgardisten, zwischen zwei Kunstauffassungen, deren Unterschiede kaum größer gedacht werden können. Duchamp und Hitler sind die heimlichen Antagonisten der Kunst des 20.Jahrhunderts. ZUGZWANG setzt diese programmatische Relation. Hitler ist der künstlerische Populist unter den deutschen Staatsmännern. Er vertritt eine traditionelle, vom Publikum bevorzugte Abbild-Kunst und versuchte, unter dem Schlagwort "entartete Kunst" die Avantgarde zu eliminieren. Duchamp steht für die verfemte, alles in Frage stellende Minderheit, für das gedankliche Experiment, den radikalen Zweifel und die Absage an die Tradition. Beide gehören zusammen: Der "Führer", der missionarisch motivierte Kämpfer gegen die Moderne, und der Exponent der Moderne, die durch die Aktion "entartete Kunst" pauschal als moralisch korrekt legitimiert erscheint. Es fällt nicht leicht, diesen Zusammenhang zu akzeptieren, ganz abgesehen von der Art und Weise, wie ZUGZWANG diesen Zusammenhang vorträgt. Die Rauminstallation erscheint als Regelverstoß. Ein Affront gegen political correctness. Man nennt Hitler und Duchamp nicht im gleichen Atemzug und zeigt sie nicht nebeneinander. Das Zeigen von Hitler-Porträts gilt als Verstoß gegen ein Tabu. Zumal Hitler-Bildern eine besondere Wirkungskraft und quasi magische Qualitäten zugeschrieben werden. "Hitler, der Verführer" war und ist ein verbreitetes Denkbild und folgt der Überschätzung der Wirkung der nationalsozialistischen Propaganda. KRITIK DER ÄSTHETISIERUNGSTHESE WALTER BENJAMINS Walter Benjamin machte 1936 in seinem berühmten Aufsatz über das "Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" das Ästhetische gar zum Angelpunkt, an dem sich das Schicksal des deutschen Faschismus entscheiden sollte. Mit der "Ästhetisierung der Politik" wollte er erklären, warum das deutsche Proletariat zu Hitler übergelaufen ist. Wenn so viele Adolf Hitler folgten, dachte Benjamin, dann gegen ihren Willen, da sie manipuliert worden seien. Mit der Dämonisierung der nationalsozialistischen Bildermacht waren und sind Täuschung und Selbsttäuschung verknüpft. Die überragende Manipulationskraft des Ästhetischen ist empirisch nicht belegt. Sie stellt eine Zuschreibung dar und nimmt gar nicht Bezug auf konkrete Bilder. Sie wird einfach behauptet. Die nachhaltige Wirkungsgeschichte und Langlebigkeit dieses Denkbilds erklären sich aus politischen Zusammenhängen. Das Denkklischee folgte der Absicht, die Bevölkerung von Schuldvorwürfen zu entlasten. So konnte die Mehrheit der deutschen Bevölkerung als unschuldiges Opfer der Nazis erscheinen. In dieser Lebenslüge bildeten Linke und Rechte, Ost und West, Demokraten und ihre kommunistischen Kritiker eine eigentümliche Allianz. Unausweichlich stellt sich die Frage, was ist, wenn dieses Denkbild nicht stimmt? Wenn die nationalsozialistische Bildermacht gar nicht aus dem Rahmen zeitgenössischer Propaganda fällt? Dann stellt sich um so mehr die Frage nach den Gründen Hitlers tatsächlicher Popularität und den politischen Motiven, die seiner massenhaften Unterstützung zugrunde lagen. Die Antwort ist nicht angenehm. Ästhetisierungsthese, Dämonisierung und Manipulationsverdacht bilden eine prekäre Einheit. Bilder, gerade Fotografien waren und sind häufig Inbegriff der Mutmassungen inpuncto Verführun, Bilder dienen immer wieder als Sündenbock. Dieses Denkmuster ist im Bereich der Kunst, der Kunstwissenschaft und der Medien verbreitet und wird von ihren Vertretern ungebrochen prolongiert. Mit der Überschätzung des Ästhetischen verbindet sich nicht nur eine Selbstüberschätzung und -stilisierung der Medienfachleute, sondern auch ein ästhetischer Überwältigungswillen von Künstlern. WAHRNEHMEN WISSEN - ABWEHR ZUGZWANG stellt das "ästhetische Theorem" zur Disposition und fragt nach dem Verhältnis von nationalem Trauma und Bildverständnis. ZUGZWANG zeigt Porträts von Hitler und Duchamp. Nicht Hitler und Duchamp, auch wenn man das oft salopp sagt. Die Porträts von Hitler und Duchamp haben aufgrund ihres Charakters als Bilder mehr miteinander gemeinsam als das Bildnis mit der abgebildeten Person. Das klingt sophisticated, ist aber der Punkt. Denn das Bewußtsein der Differenz von Abbild und Abgebildetem ist substantiell für selbstreflexive Kunst. ("Das ist keine Pfeife" - Rene Magritte) Versagt dieses kritische Bewußtsein bei traumatisch besetzten Bildern? Verwechselt es Bild und Gegenstand, wenn Abwehr und Verdrängung im Spiel sind? Schaut es durch die Bilder hindurch und nicht darauf? Genauer gesagt, bei Duchamps Porträt darauf und bei Hitlers Porträt hindurch? ZUGZWANG macht die Nagelprobe auf das Bewußtsein der Differenz. Und das an dem besonders dafür qualifizierten Ort, im Kunstmuseum/Kunstraum, das die Reflexion und Autonomie des Ästhetischen als Spezifikum beansprucht, also unter den Bedingungen einer ästhetischen Wahrnehmung, ästhetisch im Sinne einer sich selbst-bewußten Reflexion. ZUGZWANG bedeutet die praktische Zerstörung jeglicher Aura eines einzelnen Bildes in der Wiederholung. ZUGZWANG erzeugt aus zwei Motiven eine Bilderflut. Das Nebeneinander der Porträts erscheint als anstößig. Was bedeutet das Nebeneinander eigentlich? Eine Gleichsetzung, einen Vergleich oder eine Kontrastierung? Formal ist das nicht unterscheidbar. Das Nebeneinander lädt zum unmittelbaren Vergleich ein. Doch zu was führt er? Von ihrer Bedeutung her kann der Unterschied zwischen beiden Porträtierten kaum größer sein. Aber wie steht es um die formalen Unterschiede der Porträts? Was ist dann Besonderes an den Hitler-Porträts? Was ist das eigentlich Angstmachende und Irritierende? Es geht offenbar vor allem um Hinzufügungen des Betrachters, um projektive Leistungen. Der geringe visuelle Informationsgehalt wird kontrastiert und kompensiert mit dem Gefühl und der Vertrautheit, wie sie identifizierbare Gesichter vermitteln. Die Bilder rufen offenbar etwas wach, was außerhalb Ihner selbst, in den Betrachtern ist, etwas Beunruhigendes im traumatisierten nationalen Gefühlshaushalt. MEIN RESÜMEE ZUGZWANG ist mein subjektives Resümee und reflektiert meine Erfahrungen mit einer umstrittenen Ausstellung bzw. meine wissenschaftlichen Forschungen über die nationalsozialistische Fotopropaganda. Movens für die Forschungen war die These ihrer überragenden Bedeutung für Hitlers Führer-Ästhetisierung. Die Untersuchung hat dann freilich Material für eine empirische Kritik der Manipulationsthese geliefert. Aus der Arbeit entstand das medienhistorische Ausstellungsprojekt "Hoffmann & Hitler", das ich 1995 zusammen mit Dirk Halfbrodt für das Münchener Stadtmuseum realisierte. Die Ausstellung sollte vom Deutschen Historischen Museum in Berlin übernommen werden, wurde jedoch nach öffentlichen Protesten abgesagt und avancierte zum Politikum. Aufklärung wurde abgesagt, eingeholt von political correctness, d.h. einer zu vordergründiger Haltung geronnenen Kritik. Gegen was richteten sich die vorgebrachten Einwände? Der wissenschaftliche Charakter, die Seriosität der Quellenauswertung und der Argumentation in der Publikation fanden Anerkennung. Doch das Präsentieren von Hitlerbildern galt als leichtfertiger Tabubruch - wohlgemerkt die kritisch kommentierte Bildpräsentation im Rahmen einer antinazistisch motivierten Ausstellung in einem kulturhistorischen Museum. Der Einspruch gegen Hitlerbilder im Museum war auch deshalb doppelbödig, weil dieselben Bilder fortwährend in historischen Beiträgen in Fernsehen, Presse und Publizistik unkritisch reproduziert werden. Mit der Dämonisierung der NS-Bildermacht geht parallel die vollkommen sorglose Verbreitung des Bildmaterials in den Medien einher. Das Ganze ist also schizophren: Je nach Interesse wird verteufelt oder dokumentarisch, oftmals naiv, gearbeitet. ZUGZWANG radikalisiert das Problem der bildlichen Repräsentation und löst Abwehrhaltung und reflexartige Reaktion aus. ZUGZWANG versteht sich als künstlerische Versuchsanordnung, die Widerspruch formuliert und hervorruft. Es muß Widerspruch geben. ZUGZWANG macht den Test auf die Freiheit im Denken und Ausstellen, auf die Autonomie der Kunst als Spielregel der Institution Museum. ZUGZWANG steht für eine künstlerische Vorgehensweise, die Traumata und neuralgische Punkte der Kultur und Gesellschaft aufgreift und diskursive Anschlußmöglichkeiten sucht. Damit diese fruchten, muß wenn man sich über seine Wahrnehmungsgewohnheiten und mentalen Restriktionen sehr genau Klarheit verschaffen. |
THESIS ON ZUGZWANG |
|||||