Rudolf Herz

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MADE IN GERMANY

Fachhochschule Aschaffenburg
Entwurf 1998





Die Installation "Made in Germany" erweitert das architektonische Ensemble der Fachhochschule Aschaffenburg um eine künstlerische Dimension und stellt vielschichtige Bezüge und Assoziationsfelder her. Nicht allein im Zusammenhang mit der wechselvollen Geschichte der ehemaligen Jägerkaserne, sondern auch mit der heutigen Gegenwart der Hochschule. Die Fachhochschule ist in einer Kasernenanlage untergebracht, die ursprünglich für die bayerische Armee errichtet worden ist und später von Hitlers Reichswehr genutzt wurde. Nach 1945 war die amerikanische Armee dort stationiert. Sie verließ das Gelände nach dem Ende des Kalten Krieges Anfang der 90 er Jahre.

Die Installation "Made in Germany" bezieht sich auf alle Gebäude des ehemaligen Kasernengeländes und sieht vor, daß an jedem Gebäude ein Schriftzug angebracht wird. Es sind deutsche Wörter, die ins Englische (American English) übernommen wurden und heute weltweit gebraucht werden.
Aus dem Bestand habe ich folgende Wörter ausgewählt:
rucksack - heldentenor - gemuetlichkeit - blitzkrieg - wanderlust - weltanschauung - kindergarten - waldsterben - fahrvergnuegen

Die Wörter werden in Kleinschreibung wiedergegeben und jeweils an derjenigen Gebäudefassade angebracht, die der zentralen Grünfläche, dem ehemaligen Kasernenhof zugewandt ist. Die Wörter sind aus der Mittelachse des Gebäudes gerückt und horizontal positioniert. Die einzelnen Buchstaben (Schrift-Type New York) sind aus ca. 25mm starkem Edelstahl (V4A) gefertigt und haben einheitlich eine Höhe von ca. 30 cm. Sie werden mit Edelstahl-Bolzen in einem Abstand von ca. 20 mm von der Wand einzeln montiert.

Anfangs werden neun Fassaden mit den Schriftzügen ausgestattet. Mit der weiteren Renovierung des vorhandenen Gebäudebestandes bzw. der fortschreitenden Bebauung des Geländes kann die Installation erweitert und an den übrigen Fassaden fortgesetzt werden. Die Zuordnung von Wörtern und Gebäuden erfolgt unter ästhetischen Gesichtspunkten, eine illustrative Bezeichnung der Gebäude und ihrer Funktionen ist nicht beabsichtigt. Die von mir vorgenommene Auswahl wirkt so zufällig wie beabsichtigt. Sie spannt einen Bogen zwischen Geschichte und Gegenwart, zwischen so divergenten Themenfeldern wie Innerlichkeit und militärischer Aggression, pädagogischer Neuerung, kultureller Leistung, ökologischer Bedrohung und modernem Mobilitätsverlangen. Damit sind zentrale Problemlagen der deutschen Gesellschaft, Politik, Kultur und Technik benannt. Und das nicht nur aus anglo-amerikanischer Außenansicht. Hier verschränken sich auf ganz eigentümliche Weise deutsche Selbstdarstellung und der Blick des englisch-sprachigen Auslandes.

"Made in Germany" ist ein Entwurf, der die künstlerische Reflexion über
die Geschichtlichkeit des Ortes mit der Reflexion über Phänomene der modernen Kommunikation, des weltweiten sprachlichen Austausches und der Bedeutung von Sprache verknüpft. Über den Weg der erkannten Amerikanisierung der Wörter und ihrer imaginierten amerikanischen Aussprache wirkt der bekannte Wortschatz plötzlich neu und zugleich fremd. Die Perspektive des Betrachters weitet sich und ermöglicht einen anderen Blick. Vor dem ganz konkreten Hintergrund der Kasernenarchitektur, zumal im Rückblick auf das gewalttätige 20. Jahrhundert erzeugt die getroffene Auswahl der Wörter durchaus schillernde Stimmungslagen. Und das kann an einer Hochschule als Anregung verstanden werden, über den Zusammenhang von Denken, Sprache und Handeln nachzudenken.

Die Jägerkaserne - das ist Ort des ganz unmittelbaren Zusammentreffens konträrer Kräfte des 20. Jahrhunderts, d.h. der Armeen des deutschen Obrigkeitsstaates und Militarismus, vor allem des Nationalsozialismus und auf der anderen Seite der amerikanischen Streitkräfte und der demokratischen westlichen Tradition. Mit der Einrichtung der Hochschule ist die hundertjährige Tradition der militärischen Nutzung des Kasernengeländes beendet und der zivilen Wissenschaft, Forschung und Lehre das Feld geöffnet - symptomatisch für die weltweite Verlagerung der volkswirtschaftlichen Energien von der militärischen Konfrontation auf Felder der neuen globalen Prozesse und wirtschaftlichen Auseinandersetzung.

Die Übernahme deutscher Lehnwörter ins Englische steht für diesen internationalen Austausch, für moderne Kommunikation über Grenzen und kulturelle Gräben hinweg. Sie ist eine sehr spezifische und zugleich sehr bedingte komplementäre Erscheinung zu Amerikanisierungstendenzen in der deutschen Sprache und Kultur. Die Übernahmen liefen nicht immer so friedlich ab. Interessant ist schon die Frage, unter welchen Umständen deutsche Wörter Eingang ins Englische fanden. Es war Bewunderung für die deutsche Kultur, die dem Kindergarten Eingang verschaffte, andererseits der Eindruck der Gewalt der Blitzkriege, mit denen Hitler Polen und Frankreich unterwarf.

Dank der modernen Kommunikationsmittel werden Sprachgrenzen immer leichter übersprungen, der wachsende Einfluß des Englischen als internationale Lingua Franca und die Angleichungen im wissenschaftlich-technischen Wortschatz sind nicht zu übersehen. Die Epoche der Internationalisierung der Kontakte ist freilich voller Widersprüche und ruft so vielfältige Verunsicherungen hervor, daß mit den unleugbaren internationalen Konvergenzen gleichzeitig ein verstärktes Bedürfnis nach Abgrenzung entsteht, wenn nicht gar im Fremden erneut etwas Bedrohliches gesehen wird. Dies gilt nicht zuletzt für die sprachlichen Entwicklungen. Man hat in diesem Zusammenhang von einer "Dialektik der Schaffung und Überwindung von Sprachgrenzen" gesprochen.

"Made in Germany" ist ein mehrschichtiges Bild für eine komplexe Situation. Diese ist eben auch von der Frage bestimmt, welche Rolle nationale Traditionen in der Sprache, Kultur und Kunst weiterhin spielen werden und wie ihre produktive Verschränkung im internationalen Kontext strukturiert sein kann.

The installation "Made in Germany" aims to add a surther artistic dimension to the buildings of the Fachhochschule Aschaffenburg. Multi-layered references and associative facets will be created. Not only in association with the internal changing history of the former "Jäger-Kaserne" but although reaching outward to the present day of the Fachhochschule. The Fachhochschule is situated in an old barracks. The Bavarian army was once stationed in the barracks known as the "Jäger-Kaserne". Later in the Third Reich, it was the barracks of Hitlers Reichwehr. After 1945 the American Army used it. The US Army left at the end of the cold war in the early 90´s.

My concept concerns all the buildings of the former barracks. One German word will be fixed onto one of the walls of each building. The words chosen have been adopted into American English and are being usual worldwide. I selected the following words:
rucksack, heldentenor, gemuetlichkeit, blitzkrieg, wanderlust, weltanschauung, kindergarten, waldsterben, fahrvergnuegen.

The words are written in small letters and fixed onto the wall of the building facing the central quadrangle of the barracks. The letters (printtype New York) are made in high grade steel and 30 cm tall. They are placed as if by accident, and have no association with the function of the building they have been fixed to. Initially 9 facades will be selected. In the course of the renovation of further buildings more facades will be used.

The words seem to have been selected both accidentally and intentionally. The selection joins the gap between history and the present day. Between controversial themes like introspection and military aggression, educational innovation, cultural performance, ecological threats and demand for mobility. With these themes, the central problems of German society, politics, culture and technology are named. Not only from the Anglo-American point of view. Here German headstrong selfpromotion meets and interacts with an open interest on the part of the English speaking countries.

"Made in Germany" is an artificial concept, connecting the historical consciousness of a certain place and architecture, with the phenomena of modern communication, meaning and worldwide exchange of languages.

By showing the americanized German words (spelling and pronunciation) the well known suddenly seems new and unfamiliar. The perspective of the viewer is increased. Considering the architecture of the barracks and imagining the destructive violence of the 20th century, the words produce an iridescent atmosphere and become a permanent impulse inducing one to think about the interaction between modern thinking, talking and acting.

The "Jägerkaserne" has been a place of direct encounter for divergent political forces of the 20th century: on the one hand the army of the German monarchic authoritarian state and the Nazi army, on the other the forces of American democracy. The hundred year old military tradition was broken by the foundation of the new university, that offers technology and business administration courses. This is a good example for accelerated development in Western society and its belief in modern technologies and global capitalism.

The adoption of borrowed German words is a symbol for international exchange and modern communication, which overcomes all politicial and cultural barriers. It is a very special and limited phenomenon, not to be compared with the americanization tendencies taking place in German language and culture. The adoption words was not smouuth all the time. It is a highly interesting to delve into the question how the German words were actually integrated into the english language. It was an admiration for the German culture and education system which lead to the usage of the word "kindergarten . On the other hand the fear and shock, caused by Germany´s unstoppable conquest of Poland and France gave the American language the word "blitzkrieg".

With the help of modern massmedia language-borders have been removed very easily. The increasing influence of English as the modern international "linqua franca" and ist importance as the language for science and technology are not to be overlooked. A period of internationalisation is invariably filled with contradictions and feelings of insecurity, coupled with the need for demarcation and sometimes the habit to see the strange as an enemy. This applies to culture and the development of national languages, thus creating a dialectic between the creating and surmounting of languages barriers.

"Made in Germany" is a complex picture for a complex situation, including the question: what part do national traditions play in an international context?